Mein Ausflug in die Politik
Mein Ausflug in die Politik
Was wohl aus mir geworden wäre, wenn ich damals politischen Ehrgeiz gehabt hätte?
In meinem Elternhaus wurde nicht über Politik diskutiert. Mein Vater war FDP- Mitglied und ließ sich bei jeder Wahl zum Wahlhelfer berufen. Ansonsten war er eher konservativ. Meine Mutter äußerte sich selten. Beide sahen täglich die Tagesschau und beim Frühstück teilten sie sich die Süddeutsche. Mein Vater bekam den Politik- und den Wirtschaftsteil, meine Mutter den Rest. Wir Schwestern interessierten uns nicht dafür und wurden auch nicht dazu angehalten.
In der Schule bestand die politische Bildung einerseits im Geschichtsunterricht aus den Kriegserlebnissen des Direktors und aus den Schrecken der Hitlerjugend für unseren Deutschlehrer und andererseits aus dem Sozialkundeunterricht, wo uns eine sehr engagierte Lehrerin das amerikanische Staatswesen näherbrachte. Die Abituraufgabe in diesem Fach war ein politischer Aufsatz, meine einzige Eins.
Gerade volljährig zog ich wegen der Liebe in ein Dorf an der Ostsee und musste mich ohne Familie und Freunde zurechtfinden. Auf der Suche nach Anschluss wurden wir, nach einem Restaurantbesuch im Strandhotel vom Besitzer angesprochen und landeten kurz darauf in Versammlung der örtlichen CDU. Ob wir nicht Mitglied werden wollten?
Mein Mann war sofort dafür. Ich sah unseren rotgesichtigen, halslosen, bayrischen Landesfürsten vor meinem inneren Auge und fand Herrn Stoltenberg im Vergleich nicht schlecht. Außerdem erinnerte ich mich dunkel, dass meine Mutter einmal meinte, wenn sie könnte, würde sie schon die CDU wählen, nur leider ginge das in Bayern ja nicht. Damit war die Sache klar. Wir wurden Parteimitglieder und hatten plötzlich eine Menge neuer Bekannter. Das hatte verschiedene Folgen: Wir wurden zum Segeln eingeladen, am Strand wurde ich nicht mehr nach der Kurkarte gefragt, weil wir ja nun bekannte Einheimische waren, und beim Edeka wurde ich mit einem säuerlichen Lächeln begrüßt. Die Pächter waren in der „anderen“ Partei.
Die Mitgliederversammlungen waren kurzweilig. Es ging um dörfliche Themen, die mich interessierten, danach kam der -längere- gesellschaftliche Teil. Er endete immer feuchtfröhlich. Mir schmeckte das norddeutsche Bier, die Profis tranken Wasser und Schnaps. Ganz konnte ich mich dem Schnaps leider nicht entziehen, weil der Wirt regelmäßig Runden ausgab und es nicht gerne sah, wenn jemand, besonders wenn dieser jemand ich war - ablehnte. Zum Abschied bekam ich von ihm schmatzende Küsse auf beide Wangen. So gesehen war es gut, dass ich immer etwas angetrunken war.
Als Vorstandswahlen anstanden, fragte mich der Vorsitzende, ob er mich aufstellen dürfe. Meine Aufgabe sei nur, an den Vorstandssitzungen teilzunehmen. In der Gewissheit, dass mich schon niemand wählen würde, sagte ich zu. Ich hatte allerdings den Einfluss des Vorsitzenden unterschätzt. Ich wurde einstimmig gewählt.
Bald fand ich mich im Haus des Vorsitzenden mit Herren wieder, die ich zum Teil noch gar nicht kannte. Mit der Zeit fand ich heraus, dass sie alle wichtige Positionen in Kiel hatten, und fühlte mich ziemlich überflüssig. Der Vorsitzende gab sich Mühe, mich in die Gespräche einzubeziehen und allmählich wagte ich es ab und zu, einen Kommentar abzugeben. Meine Meinung stimmte nicht immer mit der der Herren überein, was sie irritierte. Der Vorsitzende schien sich aber darüber zu freuen.
Eine Aufgabe bekam ich dann doch. Ich sollte meinen Nachbarn, mit dessen Frau ich inzwischen gut befreundet war, überreden, Parteimitglied zu werden. Er lehnte ab, was den gesamten Vorstand sehr enttäuschte. Da er ein hohes Tier in der schleswig-holsteinischen Landesbank war, hätten sie sich mit dieser Feder gerne geschmückt.
In diesem Jahr sollten auch Landtagswahlen stattfinden. Ich sollte mir den Termin für die große Parteiversammlung zur Aufstellung der Kandidaten freihalten. Ich dachte mir nichts dabei, freute mich darauf, weil ich so etwas noch nie erlebt hatte.
Es war dann eher langweilig. Endlose Reden, rhetorisch nicht alle gelungen. Schließlich wurde gewählt. Mit blankem Entsetzen hörte ich plötzlich meinen Namen. Keine Hand hob sich. Trotzdem war mir schlecht. Ich drehte mich zum Vorsitzenden um, der beruhigend die Hand hob. Er wollte nur meinen Namen bekannt machen, es hätte ja keine Gefahr bestanden, dass mich jemand wählen würde. Darum hätte er mich auch nicht vorher informiert.
Als ich das später erbost einem Parteikollegen erzählte, war dessen Antwort: „Und der Name unseres Herrn Vorsitzenden ist damit auch wieder im Spiel.“ „Ich verstehe nicht?“ „Na, wenn er wieder ein junges Talent gefunden hat.“
Aber das Spiel war noch nicht zu Ende. Es musste auch der Gemeinderat neu gewählt werden. Diesmal wurde ich gefragt, ob ich mich zur Wahl stellen würde. Auch das konnte ich mir nicht vorstellen.
Die Partei wollte aber unbedingt eine Frau dabeihaben – heute würde man es Quotenfrau nennen. Die maßgeblichen Herren überredeten dann eine ihrer Ehefrauen, sich aufstellen zu lassen. In der Wahlversammlung stellte sie sich vor als Hausfrau und ehemalige Musiklehrerin und wurde mit einer sehr knappen Mehrheit gewählt. Die teilweise genervten Mienen wurden gequält, als sie, nachdem sie sich bedankt hatte, vorschlug, gemeinsam ein Lied zu singen.
Selten habe ich mich derartig fremdgeschämt.
Bald darauf trat der Vorsitzende, mein Mentor, so muss ich ihn trotz allem nennen, aus gesundheitlichen Gründen zurück. In der neuen Zusammensetzung des Vorstands fühlte ich mich nicht mehr wohl. Die vertretenen Ansichten glichen immer mehr jenen des polternden bayrischen Landesfürsten und ich sah mich deutlich in der Opposition.
Schließlich trat ich aus der Partei aus.
Heute nehme ich meine demokratische Pflicht als Wahlhelferin
wahr, wahr – in den Fußstapfen meines Vaters, aber parteilos.










