Sommer, Sonne, Segelboote
Die Sommer meiner Kindheit waren lang und heiß und am Ende war ich braun wie eine Haselnuss. Die Erwachsenen rieben sich dafür mit Tiroler Nussöl ein und genossen ihre Tage auf dem Liegestuhl. Sonnenschutz war damals noch unbekannt.
Wir Kinder, meine drei Vettern und ich, meine Schwester war damals noch ein Baby, hatten eine ganze Insel zum Spielen. Die „Insel,“ die Fraueninsel im Chiemsee. Dort verbrachten wir einen Großteil des Sommers in einer Hütte mit einem riesigen Garten und einem Bootshaus mit Liegebrett.
Im flachen Wasser neben dem Liegebrett habe ich im Sommer schwimmen gelernt. Mit einem dicken Korkgürtel um die Brust, die Hand meiner Mutter unter dem Kinn, machte ich die ersten Schwimmzüge. Als ich es allein bis zur Boje des Segelbootes schaffte, erlaubten mir meine Eltern, mit unserem kleinen weißen Ruderboot auf große Fahrt zu gehen. Vorausgesetzt ich behielt den Korkgürtel um die Brust.
Ich war stundenlang unterwegs. Mein Lieblingsziel war die Krautinsel. Außer ein paar Kühen wohnte dort niemand. Trotzdem wagte ich nicht an Land zu gehen. Ich schaukelte in sicherer Entfernung neben einer Weide, die im See im flachen Wasser wuchs, und träumte vor mich hin.
Spannend waren dagegen meine Inselumrundungen, da ich den Dampferfahrplan nicht kannte, nicht realisierte, dass es überhaupt so etwas gab. Dann passierte es leider manchmal, dass der Dampfer auf den Steg zuhielt und ich gerade kreuzte. Das laute
Tuten versetzt mich jedes Mal in Panik. Manchmal hüpften auch die Menschen auf dem Dampfersteg aufgeregt herum, winkten und riefen. Zum Glück haben meine Mutter und meine Tante das nie erfahren.
Am Wochenende, wenn mein Vater und mein Onkel kamen, gab es andere Abenteuer. Die Erwachsenen wollten segeln und ich durfte mit. Das waren schöne Tage auf dem Wasser: Sonnen auf dem Boot, ab und zu ins Wasser springen, faulenzen. Ich durfte die Pinne halten. Und ich war unglaublich stolz - obwohl wir ankerten.
Meine Vettern, den „Buben,“ war das zu langweilig. Sie wollten lieber Wasserski fahren. Da mein Onkel eines der wenigen privaten Motorboote auf dem See hatte, war das auch ein regelmäßiges Vergnügen.
Für diese Erlaubnis musste mein Onkel allerdings auch als Seenotretter einspringen. Bei Sturmwarnung, wenn der Wind plötzlich drehte und schwarze Wolken aufzogen, fuhr er raus und zog gekenterte Segelboote ans Land.
Ich habe ihn dafür sehr bewundert. Auch als er sich einmal mit dem Bootsbauer der Insel geprügelt hat. Sie sind beide vom Steg gefallen und haben sich im Wasser weitergeschlagen.
Meine Mutter, meine Tante und ich standen auf dem Inselrundweg und haben zugesehen. Ich weiß nicht, worum es ging. Vielleicht war es Eifersucht.
Heute noch liebe ich den Geruch von Wasser und höre in Gedanken das leise Plätschern, wenn die Ruder ins Wasser tauchen. Wie in der Nacht, als wir zu spät aus München kamen und kein Dampfer mehr fuhr. Mein Onkel hat einfach eines der Miet-Ruderboote ins Wasser geschoben und uns übergesetzt, vom Vollmond beleuchtet.
Auch eine andere Szene ist mir noch vor Augen. Die ganze Familie auf dem Liegebrett, die Buben hingelümmelt in ihren Badehosen. Ich hatte einen Badeanzug an und fand ihn zu warm, zu unbequem und außerdem höchst ungerecht.
Wieso durften die Buben knappe Hosen tragen und ich dieses hochgeschlossene Teil?
Also rollte ich die Träger hinunter, bis es auch wie eine Hose aussah. Aber nein, das durfte ich nicht. Mädchen tragen keine Hosen, Mädchen tragen Badeanzüge. Da erwachte wohl die Emanze in mir.
Am Schluss gaben alle auf und ich trug auch eine Hose.










